Ausschnitte aus der Einführungsrede von Dr. Ide Sczakiel (Kunsthistorikerin und stellvertretende Vorsitzende Kunstverein Viernheim) am 10.September 2004, Kunstverein Viernheim
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Die Plastiken von Angelika Schröder basieren auf den drei Architekturformen der Supermärkte von ALDI Süd. (Wie Sie vielleicht wissen, haben die Gebrüder Albrecht Anfang der 60er Jahre ihr Imperium in einen Nord- und einen Südbereich aufgeteilt.)
Die Arbeiten sind handgenähte Kissen aus sprühstärkebehandelter Baumwolle - die Künstlerin hat auch, aber ohne zufriedenstellendes Ergebnis mit Jersey experimentiert - eine haptisch sinnliche, ja gewissermaßen weibliche Angelegenheit. Die alte Sache: Frauen nähen und stricken und, was Gebäude angeht, sind es die Männer, die Architekturpläne entwerfen oder als Bauarbeiter die Projekte realisieren.
Gerade die Gebäude sind aber eine der Pointen der Arbeiten: Was man den weich angenehmen Kissen zunächst nicht ansieht ist die Tatsache, dass es sich um exakte Architekturmodelle handelt: Ausgehend von den Plänen hat Angelika Schröder maßstabsgetreue Modelle der Innenräume der ALDI Supermärkte entwickelt, Maßstab 1:100. Als Darstellungen von "Lufträumen" sind die leichten Kissen also weniger eine weiblich besetzte Handarbeit, sondern ein ideales Medium - eine präzise, treffsichere Vokabel.
Soweit zu den Objekten selbst. Aber wie kommt es zum Thema? Die Künstlerin bedient sich bei ihren Arbeiten vorgefundener Bauformen, sie hätte vielleicht auch die Kathedrale von Reims oder, ein etwas kompakterer Baukörper, die Neue Staatsgalerie in Berlin wählen können.
Die Künstlerin selbst sagt, dass ihr der Aspekt der Standardisierung ein zentrales Anliegen ist. Bei ALDI Märkten ist wie das Sortiment auch die Architektur vereinheitlicht. Die Konsequenz aus beidem: Man kann sich beim Einkauf leicht orientieren und steht nicht vor der zeitraubenden Wahl zwischen zahllosen Produkten eines Typs. Das schlimmste, das einem passieren kann, ist mit der Variation zwischen den sogenannten Rechts- und Links ALDIS konfrontiert zu werden. Hier sind Eingang und Kasse jeweils anders lokalisiert, die Systematik bleibt die gleiche. Der Käufer fühlt sich also nicht überfordert, ja er hat fast so ein positives Gefühl wie zuhause zu sein (der ursprüngliche Titel der Ausstellung lautete entsprechend "Heimat").
Aber es geht um mehr: Die Künstlerin hat ALDI auch gewählt, weil es hier sehr auf die Form, die klare und reduzierte, und das Denken in großen Maßstäben ankommt. Sie will eine Metapher für Standardisierung, und ALDI ist Standardisierung par excellence. ALDI steht prototypisch für das Prinzip des Discounters: rigoros zusammengestrichenes Warensortiment, Listing nach Warenumschlagshäufigkeit, keine kostenintensiven Ausstattungen oder Werbemaßnahmen und - standardisierte Architektur.
Die Metapher ist komplex. Bei Standardisierung der Architektur denkt man primär an die Außenform der Gebäude. Diese spiegelt wieder, was innen passiert, nämlich Standardisierung. Die Künstlerin aber bedient sich der Innenform der Außenform, d. h. des Innenraums. Sie stellt also einen "Negativraum" dar, der als Plastik aber wieder zum Positivraum wird. Und dieser Positivraum Plastik wiederum macht das Prinzip der Standardisierung im Sinne des Wortes stofflich fassbar.
Dem Metaphorischen verdanken die Arbeiten aber auch einen über sie selbst hinaus weisenden Aspekt: Die Arbeiten sind weiß, reduziert, enthalten keinerlei Details, nichts Dokumentarisches außer der Tatsache der Maßstabsgetreue. Mir scheint daher, die Künstlerin konfrontiert uns hier auch mit einem Gestalten von Verzicht. Die künstlerische Darstellbarkeit von Fakten stößt an ihre Grenzen. Eine vorgeblich, in Anführungszeichen, "realistische" Wiedergabe bestünde zum Beispiel in einem virtuellen Rundgang durchs Gebäude, etwa auf Basis von Quicktime virtual reality. Aber ein solcher Rundgang wäre eben nicht realistisch, sondern virtuell. Damit bringt gerade der bewusste Verzicht der Künstlerin ein mehr an Realität durch die schiere Fassbarkeit der Arbeiten und das, was sich dabei im Kopf des Betrachters abspielt, auch das ist ja sehr real.
Der Verzicht zeugt von einer Insubordination, was herkömmliche Darstellungsmodi angeht, von einem Gratwandern. Das ist es, was künstlerische Avantgarde ausmacht...
Dr. Ide Sczakiel